Verfasst von: bejasa | Juni 3, 2011

Blick über die Grenze Blog Nr. 13

Blick über die Grenze

Nachdem ich das letzte Kapitel des Buches „Berufsbildung in der Schweiz“ gelesen habe, möchte ich meinen persönlichen Blick über die Grenze wagen. Auf der Seite 276 werden zwei Länder genannt, die auf eine Vereinheitlichung des Bildungssystem abzielen: Schweden und Schottland.

Meine Eltern waren letzten Sommer zu Besuch bei unserer Verwandtschaft in Schweden und was sie dort am meisten beeindruckt hat, war das Bildungssystem. Meine Mutter sagte immer wieder mit voller Begeisterung:  Stell Dir vor, in Schweden kann man ein Schreiner-Abitur, ein Kaufmann-Abitur oder ein Krankenschwesterabitur machen!

Schweden hat tatsächlich ein eingliedriges Bildungssystem: Nach der neunjährigen obligatorischen Grundschule besuchen die meisten Jugendlichen das dreijährige Gymnasium. Dort können sie unter 17 Ausbildungsprogrammen wählen

Drei allgemein bildende Programme sind die Grundlage für ein Hochschulstudium, 14 berufsbildende Programme bereiten auf verschiedene Berufe vor. Die derzeitigen berufsbildenden Programme sind: (Quelle)

  • Kinder und Freizeit (Barn- och fritidsprogrammet)
  • Bau und Anlagen (Bygg- och anläggningsprogrammet)
  • Elektronik und Energie (El- och energiprogrammet)
  • Fahrzeug und Transport (Fordons- och transportprogrammet)
  • Wirtschaft und Verwaltung (Handels- och administrationsprogrammet)
  • Handwerk (Hantverksprogrammet)
  • Hotel und Tourismus (Hotell- och turismprogrammet)
  • Industrietechnik (Industritekniska programmet)
  • Land- und Forstwirtschaft (Naturbruksprogrammet)
  • Restaurant und Lebensmittel (Restaurang- och livsmedelsprogrammet)
  • Installations- und Gebäudetechnik (VVS- och fastighetsprogrammet)
  • Gesundheits- und Sozialfürsorge (Vård- och omsorgsprogrammet)

Die berufliche Ausbildung erfolgt überwiegend als Vollzeitunterricht an Schulen. Eine Berufsausbildung dauert drei Jahre. Während im ersten Ausbildungsjahr die Grundausbildung stattfindet, werden im zweiten Jahr stärker spezialisierte Ausbildungsinhalte vermittelt. Um den notwendigen Praxisbezug sicherzustellen, finden mindestens 15 Prozent der Ausbildungszeit in Betrieben statt. Am Ende der Ausbildung steht ein qualifizierter Berufsabschluss, der zu einer höheren Ausbildung berechtigt. Dieser Abschluss ist mit der Berufsmatura in der Schweiz scheinbar vergleichbar. Also ein richtiges Abitur, wie meine Mutter immer wieder betonte.

Leider habe ich nur wenig Material zum schwedischen Berufsbildungssystem im Internet gefunden.  Vor allem würde mich interessieren, ob die Betriebe mit der Ausbildung der Jugendlichen, die ja nur 15 % ihrer Zeit im Betrieb lernen, zufrieden sind oder ob es auch Stimmen gibt, die ein duales oder triales System wie in den deutschprachigen Ländern bevorzugen würden.
Vielleicht sollte ich mich mal bei einer meiner Cousinen oder Cousins in Schweden erkundigen……


Responses

  1. Hi Bettina,

    ich war vor 2 Jahren im Sommerurlaub in Schweden, um Verwandte zu besuchen – und war begeistert von Natur, Land und Leuten.

    Ich habe den Verdacht, dass die klare Luft und und die nördliche etwas kühlere Lage sich postiv auf die Geradlinigkeit des dortigen Menschenschlages und die Systeme und Instiutionen, die er um sich schafft, auswirken.

    Einfache, durchschaubare und wirksame Strukturen sind wichtig und zeugen davon, dass das Wesentliches erkannt, alte Zöpfe abgeschnitten und im ganzen Haus entrümpelt wurde. Insbesondere in Schweden mit so viel Wald – konzentriert man sich darauf, „den Wald vor lauter Bäumen“ zu sehen!!! 🙂

    Das ist in Deutschland anders. Jedes Bundesland ist ein Baum in seinem eigenen Ziergärtchen mit Zäunen drum herum. Und welches Blümchen, wo wachsen darf oder verkümmern muss, entscheidet der lange Schatten des Baumes. An mancher Stelle wird mit Spezialdünger gearbeitet und an anderer Stelle liegt guter natürlicher Boden einfach brach.

    Kurzum ich finde das Konzept der Gesamt- und Ganztagsschule, in welcher die Lehrperson allen Schülern den ganzen Tag zur Verfügung steht, eine gute Sache.
    Kersten Reich hat in seiner „Konstruktivistischen Didaktik“ das Konzept anklingen lassen (Tipp zum Nachlesen! Interessant, wie er die Strukturen präzise analysiert!)

    Ich bin dagegen, dass Schüler in verschiedenen Schultypen separiert werden, wo ihre Lebenslinie bereits vorgezeichnet ist. In einer Schule und Klasse gemeinsam über 9 Jahre hinweg lernen zu können, ist ein Privileg, was auch Zusammengehörigkeit, Respekt für den anderen „Fremden“ und Demokratielernen fördert. Die schwächeren Schüler lernen von den Stärkeren und die wiederum lernen dadurch, dass sie erklären und den Stoff tiefer verarbeiten.

    Ich habe in Schweden in verschiedenen „Immigrantenfamilien“ gewohnt und erfahren, wie begeistert die Eltern davon waren, wie sie in die Gesellschaft integriert werden. Die Kinder der 2. Generation begreifen sich ganz selbstverständlich als „Voll-Schweden“, auch wenn zu Hause auch die „Nicht-Leitkultur“ gepflegt wird. 🙂

    Als Frau finde ich besonders toll, dass es in Schweden genügend Kindertagesstätten gibt, so dass Mummy auch arbeiten gehen darf. Auch vor dem Hintergrund der Ausländerproblematik ist das doch besonders gute und praktische Integrationspolitik, oder nicht?

    Ich habe die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich auch im deutschen Bildungssystem noch etwas tut, alte Strukturen aufgebrochen werden, und die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems irgendwann überwunden wird.

    Die Schweiz macht es vor und bietet im Dschungel ihrer Bildungslandschaft überall Durchlässigkeit zwischen den verschiedenen Ausbildungsgängen und Schulen, die sich traditionell entwickelt haben. Sie ist bereits auf dem Weg und das heutige Bild ist nur eine Zwischenstadium hin zur weiteren Harmonsierung – die sich natürlich nicht so hoppla hopp von morgen auf heute vollziehen kann. Aber irgendwo muss man mal anfangen. So halte ich es mit Albert Schweizer, der sagte:

    „Kein Sonnenstrahl geht verloren. Aber das Grün, das er weckt, braucht Zeit zu Spriessen….“


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